Auszug
Einfach nicht nachgedacht?
Seit der Geburt
meines behinderten Sohnes werde ich fast täglich mit Situationen konfrontiert,
die mich verletzen und sehr wütend machen. "Die meinen es doch nicht
so. Du bist auf diesem Gebiet aber auch sensibel" bekomme ich oft zu
hören. Ja, das bin ich.
Einige kleine Einblicke:
Im Karolinenviertel, zwei 5 jährige Mädchen:
"Ihh, Du hast ein behindertes Kind gekriegt, Dein Kind ist behindert!
Ist dein Mann behindert oder was?"
Auf dem Sozialamt,
kurz nach der Geburt:
"Sagen Sie mal, Sie hatten da einen Kinderwagen beantragt. Sie sagten
doch aber, dass Ihr Kind mit einem offenen Rücken geboren wurde; kann
er darin überhaupt liegen?"
Eine Bekannte auf
der Straße:
"Behindert? Was hast Du gemacht? Getrunken? Tabletten genommen? Nee,
würde ich wegmachen lassen, weißt Du, würde ich nicht kriegen." Lucas
lacht sie an...
Ein Kinderarzt:
"Was, Sie wollen mit dem Kind nach Juist? Da gibt es doch
gar kein Krankenhaus. Nee, also mit dem Kind können Sie nicht nach Juist
fahren!" Wir haben uns dort gut erholt...
Kindergeburtstag:
"Armes Häschen bist Du krank, dass Du nicht mehr hüpfen kannst? Häschen
hüpf, Häschen hüpf, Häschen hüpf!" Ich stehe im Kreis, meinen Sohn
auf dem Arm, schaue auf das hüpfende Kind in der Mitte. Dann auf meinen
kleinen Jungen, 2 Jahre, querschnittsgelähmt... "dass Du nicht mehr
hüpfen kannst"... Ich schlucke die Tränen hinunter, der Kindergeburtstag
ist für mich gelaufen. Zwar eingeladen, aber einfach nicht nachgedacht.
Abends auf einer
privaten Party:
Lucas robbt über den Boden. "Ist das Dein Junge?" "Ja!" "Wie alt ist
er denn?" "Zwei!" "Und dann kann der noch nicht laufen?"
In der Kinderkrippe,
integrativ:
"Wer will mit Frühstück holen?" Alle Kinder rennen raus. Mit Lucas und
der Kindergärtnerin allein im Raum sage ich halblaut zu ihm: "Ja,
Luqui, so ist das, wenn man laufen kann, dann kann man einfach rausrennen!"
Daraufhin die Kindergärtnerin: "Na, komm, Lucas kann aber auch
mittlerweile schon ganz gut robben. Kein wirklicher Trost...
Ein älteres Ehepaar
guckt sich die Fotos meines fröhlichen Sohnes an. "Und der ist wirklich
behindert? Konnte man das denn nicht vorher sehen? Konnten Sie
ihn nicht abtreiben?" Welche Antwort ist bei solch einer respektlosen
Frage passend?
2. überarbeitete Auflage, 11/ 2000 Erstausgabe anlässlich der Fachtagung
„Spezialmütter“ - Mütter mit behinderten Kindern - November 1999 in
Hamburg
Herausgegeben in Eigendruck
Inhaltsverzeichnis
L.
Bach
- „ Statt eines Vorwortes“
C. Gabriel
- „Kinder-Bilderbogen“
A. Drobek
- „Einfach nicht nachgedacht“
C.Gabriel
- „Jeder Mensch....“
T. Behnke
- „Alles kam anders“
A. Drobek
- „Die Geburt meines behinderten Kindes“
C. Gabriel
- „Wenn die Welt aus Fugen gerät: „Sie müssen eine Entscheidung treffen“...
- „Jelka Valeska, mein Kind mit Down Syndrom; Noch keine Sekunde bereut
V. Rivadeneyra
- „Licht und Schatten“
R. Stockmann
- „Erste Gedanken / erste Fragen nach der Geburt“
- „Ich bin froh und glücklich“
- „Gedicht für Michael“
B. Mehl
- „Episoden aus unserem Leben“
- Gedichte: „Allein“ und „Hoffnung“
Anne S.
- „Allein“ und „ Dich“.
K. Voß
- „So ist das Leben“
L. Bach
- „Falsche Schublade“
C.Gabriel
- Glück und Leid als Mutter mit „Spezialkind“ Alleinerziehend – Pech
in der Arbeitswelt“
- „Kinder Bilderbogen 2“
- „Anders sein....“
I.E. Milewski
- Anzeige „von Herz zu Herz“
Erma Bombeck
- „Die Spezialmutter“